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mariela
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Ich möchte Michael Krammer ganz herzlich für seinen außergewöhnlichen Reisebericht und die Erlaubnis diesen hier zu veröffentlichen danken. Er hat nach einem 14 monatigen Zivildienst noch weitere 4 Monate in Nicaragua verbracht und dabei diese Reise durch die Nachbarländer Nicaraguas unternommen.

Michael ist Autor und urheberrechtlicher Inhaber dieses Reiseberichtes.
Seine Internetseite findest Du hier: http://www.michael-krammer.com
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Reisebericht: Mittelamerika - Honduras, Guatemala, El Salvador


Zitat:
<div align="center"> América Central
(24 Feb 2002 - 18 Mar 2002)</div>

1. Reiseroute: Honduras, Guatemala, El Salvador

Nach meinem Zivildienst verbrachte ich noch vier Monate in Nicaragua, ich nutzte die Zeit auch für eine dreiwöchige abenteuerliche Reise durch Nicarguas Nachbarländer Honduras, Guatemala und El Salvador. Die Route begann in Managua, führte mich über Tegucigalpa und Tela zu den Copán Ruinas (Honduras). In Guatemala ging es dann weiter nach Río Dulce und in den Dschungel zu den Maya-Pyramiden von Yaxchá. Via Flores und Sayaxché kam ich nach Lanquín und dem wohl ungewöhlichsten Ort, den ich bisher auf der Welt gesehen habe - Semuc Champey. In der letzten Woche meiner Reise kam ich noch nach Antigua, zum Atitlan-See und nach Chichicastenango (Guatemala). Nach einem Zwischenstop in El Salvador (Lago de Coatepeque, Vulkanbesteigung in Polizeischutz) erreichte ich wohlbehalten wieder meine Heimat Managua.

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2. Tegucigalpa, Tela

Am 24. Februar 2002 brach ich gleich am Morgen auf, ich wollte noch am gleichen Tag die honduranische Hauptstadt Tegucigalpa erreichen. Aus Kostengründen und auch des Abenteuers wegen verzichtete ich während meiner ganzen Reise auf Expressbusse. Ich nahm immer die langsamen gelben, oft auch bunt alten amerikanischen Schulbusse. Da braucht man zwar länger, dafür ist aber immer etwas los (VerkäuferInnen, Reifenplatzer, ...) und man kommt mit interessanten Leuten ins Gespräch. Der unbestrittene Chef an Bord dieser klapprigen Fahrzeuge ist der Fahrer, el conductor, der stoisch auf seinem Sessel thront, die Augen hinter einer undurchsichtigen Sonnebrille versteckt, das Haar mit viel Gel aalglatt nach hinten gekämmt. Er lenkt den schwarz-gelben Veteranen mit Aufschrift "SCHOOL BUS" im Kamikazestil über die Schotterpisten und sorgt dafür, dass die románticos aus den selbst gebastelten Musikboxen nicht verstummen. Nebenbei muss er natürlich an einigen Stationen der Route seine diversen Liebschaften bei Laune halten. Der Fahrer ist jedoch nichts ohne den ayudante, das Mädchen für alles, den Beifahrer, Kassierer und Mechaniker in Personalunion. Der ayudante verstaut bei laufender Fahrt über die Schlaglöcher akrobatisch Gepäck auf dem Dach und schwingt sich dann wieder durch die offene Tür herein. Bei der Einfahrt in ein Dorf ruft er unter Einsatz der markerschütternden Hupe alle Stationen auf, die noch angesteuert werden, und zur Sicherheit noch ein paar zusätzliche, denn der Bus kann gar nicht voll genug werden.

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Am Grenzübergang Las Manos / El Paraíso (Foto unten) erlebte ich die erste Überraschung. Der nette Herr auf der honduranischen Seite besah sich meinen Pass, schüttelte dann den Kopf, murmelte ein paar ungläubige Worte, und verschwand damit irgendwo im Hinterzimmer. Da stand ich nun, ohne Pass in einem fremden Land, und wusste nicht so recht was ich von der Sache halten sollte. Eigentlich sollte man Staatsbeamten ja trauen können, aber in Lateinamerika ist das so eine Sache. Er kam schließlich zurück und ich erfuhr, dass er mit meinem nicaraguanischen Visum (als Zivildiener bekam ich ein zwölfmonatiges Visa de Cortesía) nicht zu Rande kam. Da er sich dann mit der Situation auch überfordert sah, verlangte er eine (eher willkürliche) Dollargebühr und ließ mich ziehen. Ich wechselte mir die ersten Lempira um.
Mein gesamtes Reisebudget trug ich übrigens während der ganzen Zeit bar in Dollars in meiner Hosentasche mit mir herum. Das mag zwar unvernünftig klingen, aber meiner Meinung nach wissen potentiell gefährliche ladrones und bandilleros ohnehin schon längst, dass jeder Backpacker sein Geld in einem unsichtbaren Tascherl rund um den Bauch mit sich herumträgt, wo er es vor ihnen sicher wähnt.

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Ich kam erst in der Dunkelheit in der honduranischen Hauptstadt Tegucigalpa an, und nahm gleich das erstbeste Hotel, um nicht lange suchen zu müssen. Die dunklen Gassen sahen nicht wirklich einladend aus, ich war außerdem allein unterwegs. Es war ein eigenartiger riesengroßer neuer steriler Hotelbau, fast keine Leute außer mir, und ich merkte bald, dass das Fließwasser nicht funktionierte. "No hay agua, Senor!" - "Ya viene, en 15 minutos!" Dreimal fragte ich nach und wurde richtig ärgerlich, jedoch blieben Dusche und Wasserhahn trocken.
Also ging ich noch spazieren und abendessen, jedoch war mir in den engen Straßen nicht wirklich wohl, da hatte ich in Managua schon zu viel erlebt. So ging ich dann bald schlafen, Wasser gab es natürlich noch keines. Auch am nächsten Morgen nicht. Irgendwie war mir Tegucigalpa unsympathisch daher brach ich mit dem ersten Bus nach Tela an die Karibik-Küste von Honduras auf. Im Gespräch mit einem Taxifahrer erfuhr ich, dass es in ganz Tegucigalpa momentan kein Fließwasser gibt (die Stadt hat mehr als 1 Mio Einwohner!), das käme öfter mal vor.
2010-04-28 23:31
mariela
Moderator
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3. Tela, Punta Izopo

Am Nachmittag des 24. Februar 2002 erreichte ich die Karibikstadt Tela. Im Lonely Planet steht geschrieben:
Throughout Honduras, street crime is the principal concern. Incidents involving armed robbery, purse snatching and pickpocketing have been on the rise. Travelers should exercise extreme caution in Tela, as there have been numerous reports of robberies, assaults and rapes in these areas.
Die Stadt kam mir recht friedlich vor, aber trotzdem spazierte ich vorsichtshalber einmal nicht alleine zu den abgelegenen Stränden, sondern organisierte für den nächsten Tag eine Tour in den nahegelegenen Nationalpark Punta Izopo. Dabei lernte ich auch drei deutsche Mädls kennen, wir wohnten zudem in derselben hospedaje.

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[Reisetipp]
Garífuna Tours

Garífuna Tours bietet individuelle Tagestouren oder Tourpakete entlang der Nordküste und den Nationalparks in der Nähe von Tela an.
Es wird dort sehr professionell gearbeitet, und in die Nationalparks rundum Tela kommt man auf eigene Faust nur sehr schwer. Die Jeep/Kanu Tour zu Punta-Izopo-Nationalpark kann ich nur empfehlen, ich hätte auch noch einen der anderen angebotenen Ausflüge machen sollen, z.B. zur Laguna Los Micos und dem Garífuna-Dorf Miami, das aus ein paar Strohhütten auf einer Sandbank zwischen Meer und Lagune besteht.
http://www.garifuna-tours.com

Dieser Ausflug am nächsten Tag war wirklich sein Geld wert und sehr abwechslungsreich. Per Jeep fuhren wir zunächst durch einige angrenzende Garífuna-Dörfer. Garífuna sind Nachfahren afrikanischer Sklaven, die heute die Inseln Roatán, Utila, Guanaja und vereinzelte Küstenabschnitte bevölkern, eine eigene Sprache sprechen und sich kaum mit der übrigen Bevölkerung vermischen. Im Nationalpark stiegen wir dann in Kanus um, die wohl beste Art, diesen Mangrovenwald zu erkunden. Lautlos gleitet man am Fluss dahin, mitten in der Natur, grüne Bäume mit Schlingpflanzen, bunte Schmetterlinge und das Gezwitscher der Urwald-Vögel. Leider sahen wir nur ein Baby-Krokodil, was aber den Schluss zuläßt, dass auch seine Eltern irgendwo in der Gegend gewesen sein müssen.

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Am Ufer sah man Hütten von Garífuna-Familien, der Anblick dieser Hütten aus Palmblättern und der schwarzen Garífuna-Familie davor weckte das Gefühl, dass man genausogut in Afrika sein hätte können.

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Am Ende paddelten wir noch flussabwärts bis zu dessen Mündung im Meer. Ich versuchte mich mit dem Kanu auch noch im Meer, jedoch hatten die Wellen etwas dagegen. Bei der Rückkehr verspeisten wir am Strand noch Langusten, und ich entdeckte einen ganz interessanten Friedhof, himmelblaue Grabsteine und -kreuze, direkt am Meer.

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4. Copán Ruinas

Am Morgen des 28. Februar 2002 brach ich auf nach Copán Ruinas. Es stellte sich heraus, das Rene (die am Vortag auch beim Kanufahren dabei war) den gleichen Plan wie ich hatte, so fuhren wir gemeinsam los. Wie sich herausstellen sollte, würden wir noch bis nach Antigua Guatemala gemeinsam herumreisen. War auch viel schöner, denn alleine macht es dann doch nicht so viel Spaß. Jedoch sollten sich durch unsere Reisegemeinschaft meine Essgewohnheiten ganz grundlegend ändern, Rene ist nämlich Veganerin.

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Über San Pedro Sula, eine Stadt mit einem extrem feucht-heißen Klima (eingekesselt von Gebirgen, feuchte Luft vom Meer und die äquatorianische Sonne von oben), gelangten wir nach Copán Ruinas, berühmt - wie der Name schon sagt - vor allem für seine Maya-Ruinen. Copán ist wunderschön und recht malerisch, allerdings waren unglaublich viele Touristen unterwegs. Fürs Abendessen kauften wir gleich einmal am Markt einen Berg Gemüse ein, wir konnten in unserer Hospedaje netterweise die Küche der Besitzer mitbenutzen.

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Am nächsten Tag besichtigten wir dann die Maya-Ruinen, ehrlich gesagt war ich ziemlich enttäuscht. Der Eintritt war ungemein teuer (10 Dollar wenn ich mich recht erinnere) und alles war voller Touristen, mit Bussen herangekarrt z.B. aus Guatemala. Irgendwo zwischen den Ruinen trafen wir auf Lukas, einen Schweizer, der über den Zaun geklettert war und sich so den Eintritt gespart hatte. Er erzählte, er arbeite in der Schweiz in einem Zirkus, momentan aber in Mexiko als Straßen-Schmuckverkäufer. Generell habe ich auf der Reise unzählige Leute mit extravaganter Lebensgeschichte getroffen. Hinter den Maya-Ruinen fließt ein Fluss vorbei, wo wir nach getaner kultureller "Arbeit" noch wunderbar baden gehen konnten, ganz ohne Bus-Touristen.

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Am nächsten Tag wollten wir nach Aguas Calientes fahren.

[Reisetipp]

Aguas Calientes

Wer sich in Copán Ruinas niederläßt, sollte auf keinen Fall versäumen, einen Tagestrip nach Aguas Calientes zu machen. Das ist eine heisse Quelle, die sich mit einem kalten Fluss vermischt. Man kann direkt im Fluss baden (man mus eben die Stelle finden wo das Mischungsverhältnis genau passt), und es werden auch ein paar Pools mit dem heissen Wasser gespeist. Busse fahren keine hin, es gehen aber regelmäßig Pick-Ups. Einfach in Copán Ausschau nach randvollen Pick-Ups halten oder fragen, wo die camioneta para Aguas Calientes wegfährt. Der Weg dorthin ist landschaftlich wunderschön.

Das sind heiße Quellen in der Nähe von Copán. Wir machten einen Pick-Up ausfindig, quetschten uns zu ca. 30 Einheimischen auf die Ladefläche und nach einstündiger Fahrt auf einer staubigen Piste durch ein landschaftlich wunderschönes, bergiges Gebiet kamen wir bei Aguas Calientes an. Im Wald entspringt eine heiße Quelle, die sich mit einem kalten Fluss vermengt. Man kann direkt im Fluss baden (wenn man der Mündung der heissen Quelle nicht zu nahe kommt) oder in einem der vom heissen Wasser gespeisten Pools. Etwas weiter flussaufwärts kommt ein kleiner Wasserfall vom Felsen, von dem ich mir den Rücken massieren ließ. In einem natürlichen Warmwasser-Pool im Fluss sitzend, mit einem Bierchen in der Hand, dem blauen Himmel über uns verbrachten wir den Tag durchwegs entspannend.

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2010-04-28 23:32
mariela
Moderator
Beiträge: 72
5. Río Dulce

Am 2. März 2002 verließen wir Honduras über den Grenzübergang Copán - El Forido. Die nächsten zehn Tage Wochen sollten ganz im Zeichen Guatemalas stehen, das Land des Quetzals. Genauso wie sein Nationalvogel heißt auch Guatemalas Währung, an der Grenze tauschte ich meine Lempira gegen ein paar abgegriffene Quetzal.

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Über Chiquimula und Río Hondo gelangten wir nach Río Dulce (eigentlich heissen die beiden Siedlungen nördlich und südlich des Flusses Fronteras bzw. El Relleno). Unser weiteres Ziel waren die Maya-Ruinen im Regenwald von Petén, das Tiefland im Norden Guatemalas. Einen Zwischenstop mussten wir aber einlegen, und da bot sich Río Dulce an.

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In Río Dulce selbst gab es außer cerveza Gallo in den verschiedensten Bars (siehe Foto unten) nicht viel zu tun, also unternahmen wir am nächsten Tag einen Ausflug zu den heissen Quellen der Finca El Paraíso.

[Reisetipp]

El Paraíso

Die heissen Quellen von el Paraíso sind einen empfehlenswerter Tagesausflug von Río Dulce aus. Um dorthin zu gelangen nimmt man den Bus nach El Estor, der vielleicht jede halbe Stunde in Río Dulce wegfährt.
Nach einem kurzen Fussmarsch gelangt man an einen natürlichen Pool, in den sich ein Wasserfall heissen Wassers ergießt. Sollte man ein Zwicken an den Knöcheln spüren, darf man nicht erschrecken, das sind nur kleine Fische, die in dem schwefelhaltigen Wasser leben. Vom vigilante kann man sich auch den Weg zu dem Platz zeigen lassen, wo die Quellen entspringen. Richtig abenteuerlich ist es, in die Dunkelheit hinein unter den Felsen zu tauchen. Man hat zwar nur 10 cm Luft zum Atmen, aber das macht den Reiz aus. Es gibt einen Tunnel, der vermeintlich ins dunkle Nichts führt, aber man kommt überraschenderweise auf der anderen Seite wieder raus. Es kostet jedoch einige Überwindung, sich da hineinzuzwängen. Es ist sicher eine gute Idee, entweder möglichst bald oder möglichst spät hinzufahren, damit man dieses wunderbare Plätzchen ungestört geniessen kann. Wenn dann mehr Touristen kommen, ist alles nur mehr halb so romantisch.

Das ist ein wunderbarer Platz mitten im Wald, wo sich ein heißer Wasserfall in einen natürlichen Pool ergießt. Vom vigilante ließen wir uns auch die Quelle des schwefelhaltigen Thermalwassers zeigen.
Als ich das erste Mal ein merkwürdiges Zwicken an meinem Knöchel spürte, dachte ich mir noch nichts dabei, beim zweiten Mal wurde ich jedoch schon etwas nervös. Wie sich herausstellte, waren das sonderbare kleine Fische, die anscheinend ihren Spass daran haben, die badenden Gäste in die Füsse zu beissen (oder Blut zu saugen?) - anscheinend nicht gefährlich. Man kann auch unter den Felsen hineinschwimmen, bei nur 10cm Luft zum Atmen und völliger Dunkelheit ist das aber sicher nicht jedermanns Sache. Wie auch immer, ich wagte mich immer weiter vor, denn mir hatte jemand gesagt, dass man durch einen kleinen Tunnel, der scheinbar weiter ins Nichts führt, erstaunlicherweise plötzlich auf der anderen Seite wieder rauskommt. Genau das probierte ich dann auch, und ehrlich gesagt: Bungee Jumping ist nichts gegen diesen Adrenalin-Schub, wenn man sich im dunklen durch diese Felsspalte zwängt, kaum Luft zum Atmen, in der Hoffnung, dass man wieder ans Tageslicht kommt. Ein ziemlich intensives Erlebnis. Wenn man noch mehr Nervenkitzel braucht, kann man auch auf den Felsen klettern und aus gut 7 Metern Höhe in den zwei Meter tiefen Tümpel zu springen (siehe Foto ganz rechts).

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6. Yaxhá I

Am 4. März 2002 machten wir uns in Río Dulce auf den Weg in den Petén, das feuchte Tiefland im Norden Guatemalas. Von anderen Reisenden hatte wir den Tip bekommen, uns anstatt der touristisch bereits total erschlossenen Pyramiden von Tikal die im Dschungel versteckten Stätten von Yaxhá anzusehen. Von Santa Ana nahmen wir einen überfüllten Bus Richtung Grenze Guatemala-Belize, in dem man kaum Platz zum Atmen hatte.

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An der Abzweigung nach Yaxhá stiegen wir aus, in der Hoffnung auf einen "raid" in den Urwald. Tatsächlich nahm uns nach zwei Stunden Maya-Forscher mit in ihrer camioneta mit. Aufgrund der sehr abgeschiedenen Lage bestand wahrscheinlich für die paar Arbeiter, die mit den Ausgrabungen in Yaxhá beschäftigt sind, die einzige Vergnügungsmöglichkeit weit und breit darin, sich bei dieser pulpería ein paar Bier zu genehmigen. Auf jeden Fall hatten alle schon ziemlich glasige Augen. Schon mit einer gewissen Vorahnung versorgten wir uns in dem kleinen Geschäft mit Salzkeksen, aguacates, Karotten, Bohnen aus der Büchse und Wasser. Es sollte sich dann tatsächlich herausstellen, dass es in Yaxhá an jeglicher Infrastruktur fehlte. Also kein Geschäft, kein Restaurant, und vor allem gab nichts zum Überachten, bis auf ein paar Ranchos, auf Stelzen gebaut, mit Bretterboden und einem Strohdach. Es gab auch keine Möglichkeit, sich zu waschen bis auf eine Lagune, an deren Ufer die Ranchos stehen. Allerdings war am Ufer stand am Ufer ein Schild: "Precaución! Hay cocodrilos!". Bis auf ein paar Forscher war hier niemand ausser uns beiden.

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Mir gefiel der Platz extrem gut, absolut abenteuerlich, einsam, romantisch und so richtig im Einklang mit der Natur. Wir aßen ein paar unserer Vorräte und machten uns daran, im Dschungel ein paar Maya-Pyramiden zu entdecken.

[Reisetipp]

Yaxhá

Wer vor einer rustikalen Übernachtung mehr oder weniger im Freien auf einem Bretterboden nicht zurückschreckt, der sollte sich die Maya-Pyramiden von Yaxhá nicht entgehen lassen. In Santa Ana fahren Busse nach Melchor de Mencos (Grenze Guatemala-Belize), an der entrada nach Yaxhá aussteigen. Dort muss man dann auf einen Autostopp hoffen, meist verbringen die Forscher/Ausgrabungsarbeiter ihren Nachmittag ohnehin biertrinkend an der pulpería und fahren dann am Abend zurück. Wichtig ist, sich ausreichend mit Lebensmitteln und Wasser zu versorgen, denn in Yaxhá gibt es nichts. Besonders eindrucksvoll ist es, noch vor Morgengrauen aufzustehen, auf die größte Pyramide zu steigen und von dort das Erwachen des Regenwaldes zu beobachten. Man kann auch in der Lagune baden, jedoch gibt es darin Krokodile. Man muss also vorsichtig sein. In der Gegend gibt es neben Krokodilen noch Wasserschildkröten, Affen, Jaguare, Tukane ... Wem das noch nicht Abenteuer genug ist, der kann sich auf Trampelpfaden (Halbtagesmarsch oder per Muli) noch weiter in den Urwald vorwagen, zu diversen Ausgrabungsstätten, wo die meisten Pyramiden noch unter der dichten Vegetation verborgen sind. http://www.yaxha.org

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2010-04-28 23:33
mariela
Moderator
Beiträge: 72
7. Yaxhá II

Vor 4000 Jahren siedelten die ersten Maya im Tiefland Mittelamerikas. Ungefähr um 200 nach Christus setzte jedoch ein Exodus ein, der schließlich zur Aufgabe der meisten Städte in den zentralamerikanischen Regenwäldern führte. Der Grund dafür liegt wahrscheinlich in den Umweltsünden der Maya, die schließlich das Ökosystem aus dem Gleichgewicht brachten. Immer größere Waldflächen wurden zur Anlage von Feldern für die wachsende Bevölkerung gerodet, Steinbrüche für die Häuser der Städte zerfurchten das Land. Die wachsende Erosion und Ausschwemmung des fruchtbaren Bodens führte allmählich zum ökologischen Kollaps. Traurig ist, dass die Menschen heute, 2000 Jahre danach, noch immer nicht gescheiter sind. Zu Beginn fragte ich mich, wo denn alle Pyramiden sind, bis ich bemerkte, dass ein Großteil noch gar nicht ausgegraben ist. Blickte man jedoch genau hin, dann erkannte man bei jedem Hügel die charakteristische Pyramidenform (siehe drittes Foto). Es handelte sich also nicht um irgendeinen Erdhügel, sondern um eine 2000 Jahre alte von Bäumen und Sträuchern überwucherte Maya-Stätte. Einige Pyramiden sind bereits ausgegraben, es ist eine tolle Atmosphäre, ringsum die Geräusche des Regenwaldes, und man beginnt unweigerlich darüber nachzudenken, wie es hier wohl zur Blütezeit der Mayas ausgesehen haben mag.

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Es wurde allmählich finster. Die folgende Nacht war alles andere als gemütlich. Ich hatte nämlich aufgrund von Platzeinsparungsmaßnahmen weder einen richtigen Schlafsack noch eine Iso-Matte dabei. Es war aber richtig kalt und feucht, es regnete und das Strohdach ließ schon die ersten Tropfen durch. Also zog ich mir sämtliche Kleidung an, die ich mitgebracht hatte, und legte mich unters Moskitonetz direkt auf den Holzboden. Es war fast unheimlich, in völliger Dunkelheit, ringsum hörte man die Geräusche aller möglichen Tiere. Plötzlich plumpste irgendetwas vor unsere Füße auf den Boden, wir schreckten hoch, konnten aber nicht mehr sehen, was es gewesen war. Wahrscheinlich ein Salamander, der vom Fach heruntergefallen war. Irgendwie schliefen wir doch ein und am nächsten Morgen wachte ich durchfroren noch vor Sonnenaufgang auf. Ich machte mich gleich auf den Weg zur größten Pyramide und beobachtete von deren Spitze, über den Wipfeln der höchsten Bäume, wie der Dschungel erwachte. Dieses Erlebnis werde ich wohl nie vergessen. Zuerst begannen die Vögel zu zwitschern, dann fingen die Affen zu brüllen an. Über der Lagune lichtete sich der Nebel und allmählich erschien die Sonne am Horizont. Wir noch ein bisschen zwischen den Maya-Stätten herum. Ich hatte irgendwie das Bedürfnis, mich zu waschen, so nahm ich mir ein Herz und badete ein wenig in der Lagune, trotz der Krokodil-Warnung am Ufer (siehe Foto).

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Da wir keine Lust auf eine weitere kalte Nacht hatten, machten wir uns zu Fuß auf den Weg zur Hauptstraße. Diese war ca. 15 km entfernt, wir hofften aber auf einen Autostopp. Es war heiß und schon etwas spät, aber meine Erfahrung hatte mir gezeigt, dass man, wenn man unbedingt auf einen "raid" angewiesen ist, auch einen findet. So war es auch diesmal. Wir trafen auf ein älteres (reiches) Ehepaar, das sich alleine einen Bus gemietet hatte, und uns mit bis nach Flores nahm. Es stellte sich heraus, dass der Mann ein Ungar war, der hervorragend Deutsch sprach, und in der Nazi-Zeit aus Wien nach Washington ausgewandert war und sich dort ein neues Leben als bekannter Rechtsanwalt geschaffen hat.


8. Flores, Tikal

Flores ist eine ziemlich touristische Stadt, aber wunderschön gelegen, auf einer Insel im Lago de Petén Itza. Sie diente uns aus Ausgangspunkt für einen Tagesausflug am 6. März 2002 nach Tikal, den berühmtesten (und da her auch touristisch erschlossensten) Maya-Ruinen Guatemalas.

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Am Vortag waren wir aus Yaxhá in Flores angekommen, hatten uns eine nette hospedaje gesucht, und uns Tickets für einen Bus nach Tikal gekauft. Es ist eine gute Idee, möglichst früh am Morgen Tikal zu fahren, da die Atmosphäre sicher schöner ist, wenn noch nicht so viele Touristen unterwegs sind. Da es früher in Tikal öfters zu Raubüberfällen kam, gibt es jetzt eine Touristen-Polizei, die dort auf motorisierten Buggys ihren Dienst tun. Wir freundeten uns mit zwei Polizisten an die uns etwas herumführten in Tikal. Dabei entstand ein ganz witziges Foto - Rene sitzt wohl behütet von vier guatemaltekischen Sheriffs auf einem Buggy mit der Aufschrift "Politur". Es handelt sich dabei nicht um die Aufschrift eines Reinigungsfahrzeuges, sondern um eine Abkürzung für "policía turística".

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Als wir gerade auf der Spitze des Nord-Tempels eine Pause einlegten und ein paar Kekse verzehrten, da hörte ich plötzlich jemanden sagen: "Seawas Michi, wos mochst'n du do?". Ich drehte mich um und sage: "Seawas Karli! Des gibt's jo ned!!". Irgendwo im Regenwald Guatemalas auf der Spitze eines Maya-Tempels treffe ich tatsächlich auf Karli, mit dem ich vor zwei Jahren in Salzburg im selben Studentenheim gewohnt hatte. "El mundo es un pañuelo", die Welt ist klein - das ist seither meine Geschichte zu diesem Thema.
2010-04-28 23:33
mariela
Moderator
Beiträge: 72
9. Lanquín

Am 7. März 2002 verließen wir Flores. Unser nächstes Ziel war das Städtchen Lanquín in der Nähe von Cobán (departamento Alta Verapaz). Da wir nicht wieder zurück wollten um Lanquín über Río Dulce und Guatemala City zu erreichen, nahmen wir den geogafisch zwar kürzeren, zeitlich jedoch längeren Weg über Sayaxché. Da die Straßen äußerst schlecht waren und der Bus nur langsam vorankam, verbrachten wir eine Nacht in einer ziemlich herabgekommenen Herberge in Sayaxché und standen am nächsten Morgen um 4 Uhr in der Früh auf, um den Bus nach Cobán und weiter nach Lanquín zu nehmen. Obwohl diese insgesamt zweitägige Busreise (für nur 200 km) ziemlich anstrengend war, war es doch nie langweilig. Interessant war vor allem, dass wir durch ein Gebiet mit ausschließlich indigener Bevölkerung fuhren. Es kam mir ganz komisch vor, dass ich im Bus plötzlich kein Wort mehr verstand, weil niemand mehr spanisch sprach. Ich erinnere mich noch, wie ich gemeinsam mit meinem Sitznachbarn, einem alten Indio-Bauern, den Sonnenaufgang über den grünen Feldern und Hügeln bewunderte.

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[Reisetipp]
Lanquín, El Retiro

Wenn jemand auf seiner Guatemala-Reise einmal drei Tage Entspannung braucht, dann soll er nach Lanquín fahren und sich in der Herberge "El Retiro" niederlassen. Lanquín ist ein ruhiges kleines Städtchen in einer verlassenen bergigen Gegend. El Retiro ist unter Backpackern sehr beliebt und wird von Kanadieren geleitet, es gibt Bungalows und Zimmer zu mieten, man kann auch campen, am Abend wird gemeinsam für alle gekocht. Auf einer grünen Wiese geht es bis zu einem kalten Fluss, der 2 km vorher direkt in den Grutas de Lanquín (Tropfsteinhöhlen) entspringt. Man kann sich Autoreifen (bzw. deren Schläuche) ausborgen und den Fluss hinunterraften - ein Riesenspaß. Auch die Tropfsteinhöhlen sind einen Besuch wert und unweit von Lanquín befindet sich das "achte Weltwunder" Semuc Champey.

Schließlich schafften wir es aber doch bis nach Lanquín und ließen uns an einem wirklich zauberhaften Stückchen Erde nieder, genannt "El Retiro". Beim Abendessen entdeckte ich ein ganz witziges Bier, und zwar ein dunkles gualtemaltekisches Bier namens "Moza", wo am Etikett draufsteht: "Moza. Tipo Bockbier." Am nächsten Tag schauten wir uns die Grutas de Lanquín an, das sind Tropfsteinhöhlen in der Nähe von Lanquín. Mit Erstaunen stellte ich fest, dass der relativ reißende und kalte Fluss, der bei El Retiro vorbeifließt, beim Eingang der Tropfsteinhöhlen direkt aus dem Berg entsprang. Obwohl das Wasser kalt war, badeten wir ein wenig und ich entdeckte einen Baum, der hervorragend zum "Klippenspringen" geeignet war und stürzte mich mehrmals aus 7 Metern in den reißenden Fluss. Man muss dann recht schnell zum Ufer schwimmen, um nicht abgetrieben zu werden. Am Nachmittag borgte ich mir einen alten Autoreifen (bzw. dessen aufgeblasenen Schlauch) aus und raftete vom Ursprung des Flusses bis zu unserer Herberge. Man kann sich immer wieder an Lianen festhalten und die Vögel und Schmetterlinge am Flussufer beobachten.

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10. Semuc Champey

Am 10. März 2002 kam ich dann zum wohl ungewöhnlichsten Ort, den ich je in meinem Leben gesehen hatte - Semuc Champey. Das ist ein Platz in der Nähe von Lanquín, wo ein reißender Fluss plötzlich unter der Erde verschwindet, um 300 Meter später wieder zum Vorschein zu kommen. Über dem Fluss haben sich wie durch ein Wunder natürliche terrassenförmige Pools gebildet mit türkisblauem Wasser.

[Reisetipp]
Semuc Champey

Von den Locals wird Semuc Champey als das "achte Weltwunder" bezeichnet, das mag zwar etwas übertrieben sein, jedoch ist Semuc Champey wirklich ein außergewöhnlicher Ort. Es verschwindet dort ein reißender Fluss plötzlich unter der Erde, und kommt 300 Meter weiter wieder raus. Das besondere ist, dass sich üer dem Fluss wie durch ein Wunder natürliche treppenförmige Pools bildeten mit türkisblauem Wasser.
Am besten man fragt in Lanquín nach Eric. Normalerweise finden sich genug Leute und er fährt dann mit seinem Pick-up für vielleicht 5 Dollar pro Person hin. Das Besondere und der Höhepunkt der Tour ist, dass man dort, wo der unterirdische Fluss wieder an die Oberfläche kommt und sich das Wasser der Pools über einen Wasserfall mit dem Fluss vereinigt, den Wasserfall hinunterklettern kann (auf keinen Fall allein versuchen, es ist unmöglich, selbst die Stellen im Wasserfall zu finden, wo man genug Halt hat). Plötzlich befindet man sich dann in einer gewaltigen Tropfsteinhöhle, unter einem der wilde Fluss und über einem die türkisen Pools.

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Wir waren im Pick-up eines Einheimischen nach Semuc Champey gekommen, der uns erzählte, dass vor kurzem "un loco americano" bei dem Versuch gestorben sei, mit einem Kanu durch den unterirdischen Fluss zu raften. Wir badeten ausgiebig in allen Pools, immer auf unser Hab und Gut bedacht, denn anscheinend wird hier immer etwas gestohlen, wenn man nicht permanent drauf schaut.

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Der Höhepunkt des Tages war jedoch, als uns Eric (der uns hergebracht hatte) zu dem Punkt führte, wo der unterirdische Fluss wieder zur Oberfläche kam und sich das Wasser der Pools über einen Wasserfall mit dem des Flusses vereinigt. Über eben diesen Wasserfall begann Eric hinunterzuklettern und einer nach dem anderen folgte ihm. Es kostet einige Überwindung, verkehrt einen Wasserfall hinunterzuklettern, wenn man 10 Meter unter einem die Gischt des wilden FLusses sieht, der sich zwischen großen Felsblöcken seinen Weg sucht. Alleine wäre es unmöglich, den Wasserfall hinunterzuklettern, weil man im Wasserfall nicht sieht, wo man hinsteigt. Ich war völlig darauf angewiesen, dass mir Eric jede einzelne Einkerbung im Felsen zeigte. Auf einmal bemerkt man dann, dass der Fluss nicht direkt aus dem Felsen kommt, sondern dass sich über ihm eine Tropfsteinhöhle gebildet hat, in die man nur durch die wilde Wasserfall-Kletterei gelangen kann. Ich weiß nicht mehr ob meine Knie mehr wegen der abenteuerlichen Kletterei zitterten oder dem unglaublichen Gefühl das ich in dieser Höhle hatte - unter mir der reißende Fluss, über mir tropft von den Stalagtiten das Wasser, das von oben aus den Pools durchsickert.

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2010-04-28 23:33
mariela
Moderator
Beiträge: 72
11. Antigua Guatemala

Am 11. März 2002 ließen Rene und ich das schöne ruhige Städtchen Lanquín hinter uns, die nächsten Ziele waren die Kolonialstadt Antigua Guatemala und der Lago de Atitlan. Es war für uns der letzte gemeinsame Reisetag, wir trennten uns in Antigua, wo ich noch eine Nacht blieb während sie gleich zum Lago de Atitlan weiterreiste.

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Die Busfahrt von Lanquín nach Cobán dauerte länger als geplant, da es auf der schmalen Straße einige Baustellen gab, und die Bauarbeiter den Verkehr immer wieder für 1 Stunde (!) anhielten. Da das Warten im Bus aufgrund der Hitze und der Abgase der veralteten Busse unerträglich war (natürlich stellte niemand den Motor ab), verzehrten wir unser Frühstück auf dem Busdach.

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In Antigua blieb ich nur eine Nacht, weil dort einfach zu viele Touristen herumliefen. Ich schaute mir die verschiedensten Gässchen, Kirchen und Bauten im Kolonialstil an und fuhr gleich am nächten Tag weiter zum Lago de Atitlan. Schon als der Bus die Serpentinen zum See hinunterfuhr war das Panorama atemberaubend.

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12. Lago de Atitlan

Im Hochland von Guatemala befindet sich der Lago de Atitlan, der einst vom britischen Schriftsteller Aldous Huxley als "der schönste See der Welt" bezeichnet wurde. Die mächtigen Vulkankegel des San Pedro, Tolimán und Atitlán umrahmen seine tiefblauen, glasklaren Wasser. An seinen Ufern bauen Maya-Nachfahren in ihren bunten traditionellen Gewändern Kaffee, Mais und Zwiebeln an. Es ist kein Wunder, dass sich an seinen Ufern unzählige Aussteiger niedergelassen haben, die von der Hektik der modernen industralisierten westlichen Welt genug hatten.

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Am Lago de Atitlan angekommen fasste ich den Beschluss, nicht in der von Backpackern überlaufenen Stadt Panajachel zu bleiben, sondern mein Glück in ein paar kleinen Dörfern am Ufer des Sees zu suchen.

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Ich nahm eines der Motorboote, die die Ortschaften am Seeufer abklappern, und stieg zuerst in El Jaibalito aus. Das einzige Hotel dort war zwar wunderschön gelegen, jedoch leider voll. Ich spazierte durch den kleinen Ort und überall blickten dunkle Augen verwunderte kleiner Indio-Kinder an, für die ich wohl ein interessantes Objekt darstellte.

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Ich nahm das nächtste Motorboot zur Ortschaft San Marcos La Laguna. Dort gab es auf den ersten Blick schon einige brauchbare Unterkünfte, jedoch wie sich herausstellte, haben sich in San Marcos fast ausschließlich Esoteriker und Anhänger jeglicher Meditationsformen niedergelassen. Ich betrat eines dieser Hotels, das aus einzelnen pyramidenförmigen Bungalows bestand, um nach einem Zimmer zu fragen. Es roch nach Räucherstäbchen und eine Frau in weissem Talar und mit einem roten Punkt auf der Stirn fragte mich, an welchen Meditationskurs ich teilnehmen möchte. Also ging ich wieder. Ich bereute es schon fast, nicht in Panajachel geblieben zu sein, kaufte mir bei einem Straßenverkäufer einen Maiskolben und erzählte ihm, dass ich keine Unterkunft fände. Da meinte er, ein Hotel gäbe es noch, am Ende des Ortes, es sei ganz neu und von einem Deutschen erbaut. Als ich dort ankam, erkannte ich, dass das Hotel nicht nur neu, sondern noch gar nicht fertig war. Ich fragte, ob ich nicht trotzdem bleiben konnte, und konnte dann tatsächlich gratis in einem halbfertigen Zimmer übernachten. Ich war natürlich der einzige Gast dort. Das Zimmer hatte noch keine Fenster, aber da ein paar Wolldecken bereit lagen, wurde mir in der Nacht nicht kalt. Am Morgen war es dann ein herrliches Gefühl, von den Vögeln geweckt zu werden, die direkt in den Bäumen vor meinem Bett zu singen begannen. Der Blick auf den majestätischen Atitlan-See tat sein Übriges zu dieser tollen friedvollen Morgenstimmung.

[Reisetipp]
San Marcos La Laguna, Lago de Atitlan

In diesem kleinen Ort haben sich Aussteiger aus verschiedenen Ländern niedergelassen, die alle möglichen esoterischen Dienstleistungen anbieten (Meditationskurse, Bau-Dir-Deine-Eigene-Trommel-Kurs, ...). Ich übernachtete damals (März 2002) in einem Hotel, das noch gar nicht fertig gestellt war. Es gehört einem Deutschen, der es rein aus Recycling-Materialien errichtete. Die Wände der Zimmer bestehen aus zwei Maschendrahtgeflechten, mit kleinen Steinen aus dem See gefüllt. Der Spiegel ist ein Mosaik aus Altglassplittern. Der Besitzer war dabei, das zwischen Seeufer und Klippen gelegene Hotel mit der Hilfe von künstlerisch begabten Reisenden zu errichten, die zufällig vorbeikamen und für ein paar Wochen oder auch länger für Kost un Logie ihren Beitrag zum Hotel leisteten. Dementsprechend individuell und extravagant ist der Stil der einzelnen Unterkünfte. Wenn man in San Marcos nach einem deutschen Hotelbesitzer fragt, findet man sicher hin. Unweit von diesem Hotel gibt es tolle Felsen (bis zu 10 Meter hoch) zum Klippenspringen in den See.

Von San Marcos aus unternahm ich ein paar Wanderungen mit wunderschönen Panoramablicken auf den See. Außerdem fand ich ein paar Stellen, wo man von bis zu 10 Meter hohen Felsen in den See springen konnte. Ein paar einheimische Jungs hatten ihren Riesenspaß daran, mir vorzuführen, wie gewagt sie selbst sich von den Felsen hechteten, während ich zu Beginn wohl noch sichtlich weiche Knie hatte.

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2010-04-28 23:34
mariela
Moderator
Beiträge: 72
13. Chichicastenango

Am 13. März 2002 hatte ich genug von der Einsamkeit am Atitlan-See und als meine letzte Station in Guatemala peilte ich den berühmten farbenprächtigen Indio-Markt von Chichicastenango an. Danach wollte ich Guatemala in Richtung El Salvador verlassen.

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Der Indio-Markt von Chichicastenango ist sicherlich ein einmaliges Erlebnis, auch wenn sich schon Vieles an die zahlreichen ausländischen Touristen angepasst hat, zum Beispiel die Preise. Ich versuchte aber beim Handeln mein Bestes und kaufte eine ganze Menge an Kunsthandwerk für zu Hause ein. Die Preise für diese manuell gefertigten Waren sind natürlich im Vergleich zu europäischer Handarbeit extrem niedrig. Man sollte aber trotzdem handeln, erstens weil es üblich und auch höflich ist, zweitens weil man sich sonst selbst über den Tisch gezogen fühlt, wenn man bemerkt, wie der nächste dieselbe Ware um den halben Preis bekommt.

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Als ich vor der Iglesia de Santo Tomás ein pollo frito verzehrte, sprach mich ein Mann an, ob ich nicht eine "ceremonia maya" machen möchte. Das hörte sich interessant an, und ich folgte ihm auf einen Hügel außerhalb der Stadt, wo gerade eine Maya-Schamanin vor einem verkohlten Altar eine Zeremonie für ein guatemaltekisches Ehepaar abhielt. Dabei wird einem Huhn der Kopf abgehackt. Wenn das Huhn sofort umfällt so bedeutet das Pech und Unglück für die Ehe, wenn es aber noch einige Schritte tut, so bedeutet das ein Leben in Eintracht und Glück. Nachdem sie mit den beiden fertig war, fragte sie mich, ob sie für mich auch eine ceremonia machen sollte. Ich war mir zwar nicht sicher, ob das mit meinem römisch-katholischen Taufbekenntnis in Einklang zu bringen war, die Schamanin zerstreute diese Bedenken aber schnell. So musste ich mich zuerst vor den Altar hinknien, die Frau murmelte ihre Gebete. Danach musste ich den Altar umarmen und die Augen schließen. Mir war schon etwas unwohl zumute. Plötzlich wurde diese Zeremonie noch intensiver, denn die Schamanin spuckte mich mit irgendeiner Flüssigkeit voll. Ich fragte mich - in welchem seltsamen Traum bin ich jetzt schon wieder gelandet?

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Dann war alles zu Ende, und das Ergebnis der Zeremonie war, dass ich in meinem weiteren Leben mucha suerte (viel Glück) haben werde. Naja. Eine erste Ernüchterung folgte, als mich die Frau beiseite nahm und meinte, das ganze würde 50 Quetzales kosten. Die zweite Ernüchterung war, dass der Mann, der mir diesen Ort geziegt hatte, plötzlich ein Fremdenführer war, der nun ebenfalls auf sein Honorar wartete. Auf die Frage, wieveil das sei, anwortete er: "Lo que Usted me quiere dar." Ich meinte, von mir aus würde ich ihm nur 10 Quetzales geben, und da er begann mir sein Leid zu erzählen, von seiner Frau zu Hause und und und ... Ich ärgerte mich zwar, aber vor allem über mich selbst, dass ich die Situation nicht schon zu Beginn überrissen habe. Dann stockte ich sein Honorar noch etwas auf und machte mich aus dem Staub. Mein Ärger ließ aber bald nach, denn es war ja immerhin doch ein ziemlich schräges Erlebnis gewesen.


14. Lago de Coatepeque, Volcán Izalco

Am 14. März 2002 nahm ich um 4 Uhr früh den ersten Bus aus Chichicastenango in Richtung Guatemala City. Dort musste ich dann einen Bus nach El Salvador ausfindig machen. Guatemala City ist eine nicht wirklich einladende Stadt und hat zudem eine sehr hohe Kriminalitätsrate. Man wird sich dessen bewusst, wenn man bemerkt, dass jedes Geschäft nicht wie z.B. in Managua vergitterte Fenstern und Türen hat, sondern die Türen aus massivem Eisen geschmiedet sind. Durch einen kleinen Schlitz reicht man sein Geld und bekommt z.B. das Brot oder die Milch retour. Ich fragte nach dem Weg zur Busstation, der durch ein paar schmutzige Straßen führte, und war froh als ich gerade noch den abfahrenden Bus nach El Salvador erwischte. An der Grenze überraschte mich, dass El Salvador zwar mit seinen Colones eine eigene Währung hat, jedoch parallel der US-Dollar offizielle Währung ist. Ziemlich hart ist das für den Kassier im Bus, der ständig zwei schwere Münzbeutel mit Colones und Cents herumtragen muss.

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Als mein einziges Ziel in El Salvador hatte ich den Lago de Coatepeque gewählt, ein Kratersee mit nahem Nationalpark und mehreren Vulkanen in der Umgebung.

[Reisetipp]
Lago de Coatepeque

Seit dem Erdbeben im Jahre 2001 ist zwar der Nationalpark Cerro Verde geschlossen, und der Wasserspiegel des Lago de Coatepeque um ein paar Meter gesunken, man kann aber trotzdem ein paar geruhsame Tage in der Gegend verbringen.Ich fühlte mich im Amacuilco Guest House sehr wohl. Nach den Schäden durch das Erdbeben 2001 wäre zwar dringend wieder einmal eine Generalüberholung nötig, aber irgendwie hatte der halbverfallene Zustand (ist natürlich übertrieben ausgedrückt) auch seinen gewissen Charme. Ich war neben einem Mexikaner der einzige Gast, es war aber richtig nett, bei Sonnenuntergang auf einer der schon recht ramponierten Holzterassen am Seeufer zu sitzen, mit der Kellnerin zu plaudern (sie hatte Zeit, ich war ja der Einzige, der zu bedienen war) und einen extra für mich gebratenen Fisch zu genießen.

Ich fand eine nette Unterkunft namens "Amacuilco Guest House" am Ufer des Sees. Ich war neben einem Mexikaner der einzige Gast, dementsprechend viel Aufmerksamkeit durch wurde mir zuteil. Nach der anstrengenden Busfahrt gönnte ich mir erst einmal einen pescado frito und salvadorianisches Bier. Wie die Bezeichnung "Bock Bier" beim gualtemaltekischen Moza fand ich auch hier die deutsche Aufschrift "Lager Bier" recht witzig.

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Bald fand ich heraus, warum offenbar am Lago de Coatepeque nichts mehr so war wie früher. Durch das Erdbeben des Jahres 2001 hatten sich am Grund des Sees Spalten aufgetan, und der Wasserspiegel ist um einige Meter abgesunken. Sämtliche Bootsanlegevorrichtungen ragen nun 3 Meter aus dem Wasser, das durch den niedrigeren Wasserspiegel freigelegte Ufer lädt leider nicht mehr zum Baden ein. Ich entspannte mich daher in einer Hängematte auf der aus klapprigen Brettern gezimmerten Holzterasse direkt am See und plante für den nächsten Tag, einen der nahen Vulkane zu besteigen.

Dieses Vorhaben setzte ich auch in die Tat um, per Bus erreichte ich erwartungsfroh den Nationalpark Cerro Verde. Doch oben kam die Enttäuschung: der Nationalpark ist seit dem Erdbeben ebenfalls geschlossen! Damals war der gesamte Hotel- und Restaurant-Bau den Hang hinuntergerutscht, und seither wurde nichts wiederhergestellt.
Ich fragte den einsamen Wächter, wo es zum Vulkan Izalco hinaufgeht. Er riet mir aber ausdrücklich davon ab, alleine den Vulkan zu besteigen, da es immer wieder zu bewaffneten Überfällen auf Touristen gekommen sei. Ich machte mich aber trotzdem auf den Weg, aber als die Gegend immer einsamer wurde, bekam ich doch ein ungutes Gefühl bei der Sache und kehrte um. Es hatte mir nämlich auch schon die Kellnerin im Amacuilco Guest House von diesen Überfällen erzählt.

Da ich aber nicht unverrichteter Dinge wieder heimfahren wollte, sprach ich noch einmal mit dem Wächter, der mir dann den Hinweis gab, dass es hier oben eine Polizeistation gäbe, und manchmal die Polizisten so nett sind und die Touristen auf den Vulkan begleiten. Mit dem nächsten Bus kamen dann noch zwei Amerikaner, denen ich die Sachlage schilderte, und gemeinsam heuerten wir dann zwei schwerbewaffnete salvadorianische Polizeibeamte als Geleitschutz an. Einer ging vor uns, der andere hinter uns, beide hatten ihre Maschinenpistolen dabei. Die zwei hießen Luis und Walter.

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Der Vulkan Izalco ist ein noch schwach aktiver Bilderbuchvulkan. Er ist einer der jüngsten Vulkane der Region und steht beeindruckend als schwarzer, unbewachsener, perfekter Kegel inmitten der grünen Vegetation der Umgebung. Unsere Polizeibegleiter legten eine beeindruckende Fitness an den Tag und in einer Stunde waren wir am 1885 Meter hoch gelegenen Krater angelangt. Es rauchte und zischte noch aus allen Spalten und Ritzen, wie gesagt ein richtiger Bilderbuchvulkan.
Der Abstieg war dann nicht minder aufregend. Walter und Luis zeigten uns eine interessante Technik, nämlich ähnlich wie Schifahren den Hang aus lockerem Geröll hinunterzurutschen. Danach waren meine altgedienten und nicht wirklich vulkantauglichen Converse-Sneakers jedoch ziemlich ramponiert. Als Dank für diese abenteuerliche Tour gaben wir Walter und Luis natürlich von Herzen gerne ihr Trinkgeld.


15. Rückfahrt nach Managua

Der Lago de Coatepeque war die letzte Station meiner Mittelamerika-Reise gewesen, am 16. März 2002 brach ich von dort auf in meine "Heimat" Managua.

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Ursprünglich hatte ich geplant gehabt, noch eine Nacht in Honduras zu verbringen, jedoch stellte sich unterwegs heraus, dass ich Managua mit etwas Glück noch am selben Tag erreichen könnte. In San Salvador stieg ich in einen Bus Richtung Honduras um, und an der Grenze El Salvador-Honduras erwischte ich zufällig einen kleinen Bus, der mich nonstop durch Honduras brachte bis zum Grenzübergang Guasaule nach Nicaragua. Nachdem ich wieder einmal an allen Grenzübergängen relativ undurchsichtige Gebühren entrichtet hatte und um ein paar Stempel in meinem Pass reicher war, hatte ich es endlich geschafft und war wieder "zu Hause" in Nicaragua. Von Guasaule nahm ich einen übervollen Bus nach Chinandega, wo ich gerade noch für den allerletzten Bus nach Managua zurechtkam. Um Mitternacht erreichte ich schließlich Managua, nach einer insgesamt 16-stündigen Monster-Busreise mit insgesamt 9 Bussen durch die drei Länder El Salvador, Honduras, Nicargua.

Was bleibt von der Reise durch Mittelamerika?
Eine Menge schöner und abenteuerlicher Erinnerungen, von denen ich einen Teil hier niedergeschrieben habe, und die wärmste Empfehlung an jede(n), auch einmal mit offenen Augen und offenem Herzen die Schönheiten dieses schmalen Landstreifens zu entdecken, der zwischen dem Pazifischen Ozean im Westen und der Karibischer See im Osten Nord- und Südamerika miteinander verbindet.
2010-04-28 23:34
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