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tabeamon
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In Paraguay boomt die Soja-Industrie und lässt die sozialen und ökologischen Alarmglocken schrillen

Was früher die karibischen Bananenrepubliken waren, das sind heute die „Sojarepubliken“ im „Cono Sur“, dem südlichen Teil Südamerikas. Fünfzig Millionen Hektar monotoner grüner Felder scheinen kein Ende zu nehmen und erstrecken sich über Argentinien, Bolivien, Brasilien und Paraguay. Das vergleichsweise winzige Paraguay ist der weltweit sechstgrößte Produzent von Soja. Die Sojabohne ist mit Abstand nicht nur das wichtigste Exportprodukt des Landes, sie ist mit knapp vierzig Prozent der landwirtschaftlichen Produktion auch der zentrale Pfeiler der paraguayischen Wirtschaft.

Das grüne Gold
Soja boomt. Die weltweit steigende Nachfrage nach Tierfutter und Agrokraftstoffen lässt die Preise für die eiweißreiche Hülsenfrucht nach oben schnellen. Die Gewinnchance ist eine doppelte: Sojaschrot als Futtermittel und Sojaöl als Treibstoff. „In Paraguay herrscht eine richtige Goldgräberstimmung“, meint Thomas Lackner von Global2000. Für Soziales und Umwelt seien Goldgräberstimmungen jedoch noch nie besonders gut gewesen. Jetzt schrillen die Alarmglocken.

Einerseits ziehen die großen, unerschlossenen Naturräume immer mehr Investoren an, was zu massiven Entwaldungen führt. Andererseits werden bestehende Felder – auf denen zuerst etwa Nahrungsmittel für den eigenen Konsum angebaut wurden – quasi „sojafiziert“. Vor dem Hintergrund der weltweiten Nahrungsmittelkrise lässt das aufhorchen. „Schon als Soja noch kein so großes Geschäft war, kamen Kleinbauern und Indigene tendenziell unter die Räder“, erklärt Lackner. Jetzt werde das durch Spekulation extrem. Denn im Angesicht der steigenden Nachfrage wird der fruchtbare, paraguayische Boden immer wertvoller.

Auf der Flucht
„Die Flüchtlinge des Agroexportmodells“: So betitelte das Sozialforschungsinstitut „Base IS“ eine Studie über die Folgen der Sojamonokulturen für die bäuerlichen Gemeinden in Paraguay. Angesichts einer vielerorts prekären, wirtschaftlichen Situation verkaufen oder verpachten viele Kleinbauern ihr Land an brasilianische Sojafarmer. Ihnen bleibt danach oft keine andere Wahl, als in die Elendsviertel der Hauptstadt Asunción abzuwandern. Denn Arbeit gibt es in der hoch mechanisierten Sojaindustrie kaum.

Diejenigen, die bleiben, sitzen oft inmitten schier endloser Felder. „Das sind Sojawüsten. Dort hört man keine Vögel mehr“, erzählt Thomas Lackner fast resigniert. Dazu kommt der exzessive Einsatz von Pflanzenschutzmitteln in unmittelbarer Nachbarschaft. Vor allem Kindern setzen diese zu, sie leiden an Hautreizungen und Atemwegsbeschwerden. Im Jahr 2003 starb der elfjährige Silvino Talavera nach Pestizidsprühungen in der Provinz Itapúa, im Süden Paraguays. Das einzig Positive an dem traurigen Ereignis: Erstmals wurden die Verantwortlichen verurteilt und somit ein Präzedenzfall geschaffen.

Verantwortungsvolle Soja
Die sozialen und ökologischen Folgen des Sojaanbaus schreien zum Himmel. Der WWF hat darum die Soja-Industrie und Nichtregierungsorganisationen (NGOs) zu einem runden Tisch gerufen, um über „verantwortungsvolle Soja“ zu sprechen. Wirtschaftlich soll die Sojaproduktion sein, bei gleichzeitiger sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit. Die Erdölkonzerne BP und Shell, die Agrarunternehmen Cargill und Bunge und der Lebensmittelriese Unilever diskutieren mit. Der sogenannte „Round Table on Responsible Soy“ steht jedoch im Kreuzfeuer der Kritik. Zahlreiche NGOs haben sich von der Initiative distanziert und werfen dem WWF vor, „corporate greenwashing“ zu betreiben.
Das tägliche Schnitzel

„Soja ist, solange es agroindustriell hergestellt wird, niemals nachhaltig“, skizziert Thomas Lackner die Position von Global2000. Kleinräumig, unter Einsatz lokaler Methoden angebaut, sei die Soja erst verträglich. Ein derartiger Schwenk der Sojaindustrie ist unwahrscheinlich, solange sich am Verbrauch nichts ändert. „Unser tägliches Schnitzel, die tägliche Autofahrt, das sind die eigentlichen Motoren des Soja-Booms“, weist Lackner hin. Strukturelle Veränderungen wären auch in Paraguay notwendig. Jahrelang setzte das Land wirtschaftspolitisch fast ausschließlich auf eine Steigerung der Agrarexporte, vor allem von Soja. Volkswirtschaftlich hat sich diese Priorität auch gelohnt, so liegt die Wachstumsrate heute bei über sechs Prozent. Die ökologischen und sozialen Folgen der Soja-Industrie, wie sie aktuell betrieben wird, sind jedoch verheerend.
2010-04-28 21:57
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